Die 20. Orchesterwerkstatt Halberstadt

"Gewisse Biographen mit überstarker Schilddrüsentätigkeit erzählen einem immer wieder, daß sie selbst nach tausend Jahren diesen oder jenen bemerkenswerten Vorfall in ihrem Leben nicht vergessen würden. Nun, um ganz und gar demokratisch zu sein, ich werde die erste Nachmittagsprobe meiner ersten Symphonie ebenfalls nie und nimmer vergessen! Schulze-Dornburg hob den Taktstock, riß ihn herunter – und das Orchester spielte! Es war einfach unglaublich, dieses Wunder! Es war der erste Akkord meiner ersten Symphonie, mein Akkord, der genauso klang, wie ich ihn instrumentiert hatte."

So schwärmt George Antheil, Avantgardekomponist der frühen 1920er Jahre, über seine erste Uraufführung eines orchestralen Werks durch die Berliner Philharmonie. Diese besondere Erfahrung zu erleben wird in Halberstadt jungen Komponisten nun schon zum 20. Mal geboten – in einer in Deutschland einzigartigen Kombination aus Orchesterproben und Seminarstunden werden dort Stücke einstudiert, besprochen und zur Aufführung gebracht.

Die erste Orchesterwerkstatt fand 1987 im Rahmen der "1. Magdeburger Musikfesttage" in Stendal statt. Einer der Initiatoren war der Komponist Hans Jürgen Wenzel, der im Jahr 1976 die Kinderkomponistenklasse Halle gegründet hatte und sie bis zum Jahr 1999 leitete. Werke der Schüler waren dort schon regelmäßig im Rahmen der Halleschen Musiktage von der Philharmonie Halle aufgeführt worden. In Stendal aber sollte den jungen Komponisten eine weitere Möglichkeit geboten werden, mit verschiedenen Dozenten in Seminaren ihre Arbeiten zu besprechen und zu entwickeln. Gemeinsam mit dem Orchester des Theaters Stendal unter der Leitung von Musikdirektor Jörg Lehmann wurden die Stücke dann in mehreren Proben einstudiert, ein öffentliches Konzert ist seit dieser Zeit wichtiger Teil und Abschluss der Werkstatt. Tutoren und Mitbegründer der ersten Werkstatt waren neben Hans Jürgen Wenzel mehrere Personen aus dem Umkreis der damaligen Bezirksmusikschule bzw. des heutigen Konservatoriums "Georg Philipp Telemann" in Magdeburg: Günter Bust (1930-2005; Komponist, Leiter der Musikschule von 1967-1995), Dr. Stojan Stojantschew (*1931, bulgarischer Komponist und Flötist, wirkte ab 1966 in Magdeburg unter anderem am Magdeburger Puppentheater und an der Musikschule), Dr. Rüdiger Pfeiffer (*1955, Musikwissenschaftler) und Dieter Nathow (1937-2004, Komponist und Pianist, ab 1963 Lehrer an der Musikschule).

Die zunächst geplante zweijährliche Ausrichtung der Werkstatt wurde durch die politische Wende verzögert – die Struktur der kulturpolitischen Institutionen musste zunächst neu geordnet werden. Im Jahr 1990 wurde in Magdeburg der erste Landesmusikrat der Deutschen Demokratischen Republik gegründet, der nach der Vereinigung mit der Bundesrepublik Deutschland als Landesmusikrat Sachsen-Anhalt mit dem Deutschen Musikrat zusammenarbeitete und dessen ordentliches Mitglied ist. Unter der Leitung seines Geschäftsführers Dietmar George, wurde kurz nach der Wende auch die Organisation der Orchesterwerkstatt wieder aufgenommen: ab dem Jahr 1991 konnte die Werkstatt wieder ausgerichtet werden, zunächst zweijährlich, ab 1994 im jährlichen Rhythmus. Seit 1999 ist die Werkstatt Programmpunkt des Jugendmusikfestes Sachsen-Anhalt.

Veranstaltungsort für Proben und Abschlusskonzerte ist seit der Wende das Nordharzer Städtebundtheater in Halberstadt. Dort wirkte von 1990-2000 der Musikdirektor Christian Hammer. Er war als Leiter des Orchesters für die Proben mit den jungen Komponisten zuständig. Untergebracht wurden die Jugendlichen im nahegelegenen Kloster Michaelstein, wo auch die Unterrichtsstunden mit den Dozenten stattfanden. In den Seminaren der ersten Werkstätten unterrichteten Hans Jürgen Wenzel und Dr. Rüdiger Pfeiffer. Seit Beginn der 1990er Jahre gehört der Komponist Martin Christoph Redel zur Gruppe der ständigen Tutoren. Zahlreiche weitere international wirkende Komponisten ergänzten in den nächsten Jahren das Kollegium der Tutoren: Karsten Gundermann, Uwe Krause, Violeta Dinescu und Hans Rotman. Seit 2001 ist Johannes Rieger Musikdirektor und seit 2009 Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters. Gemeinsam mit der Theaterpädagogin Anja Grasmeier koordiniert er die Ausrichtung der Werkstatt, wie etwa Orchesterproben und Pressearbeit. Die Federführung des Projekts liegt weiterhin beim Landesmusikrat Sachsen-Anhalt, personell verantwortet durch Ulrike Dietrich, Direktorin des Jugendmusikfestes Sachsen Anhalt.

Während die ersten Werkstätten vorwiegend von Jugendlichen aus der näheren Umgebung besucht wurden, gelang es den Veranstaltern im Laufe der 1990er Jahre, die Veranstaltung auch bundesweit bekannt zu machen. Durch Anzeigen in Musikzeitschriften und die Vermittlung der Dozenten bewerben sich mittlerweile junge Komponisten aus ganz Deutschland in Halberstadt, in den letzten Jahren ist zudem ein stetiger Anstieg der Bewerberzahlen zu verzeichnen. Die Verlängerung der Proben- und Seminardauer ermöglicht eine konzentrierte und intensive Arbeit mit dem Orchester und den Dozenten. Durch den täglichen Wechsel von Proben- und Seminarstunden wird es ermöglicht, dass mit den Tutoren besprochene ästhetische und formale Hinweise direkt vom Orchester umgesetzt werden können. Anregungen der Orchestermusiker, etwa die instrumentale Spielbarkeit einzelner Passagen betreffend, können umgekehrt in den Seminaren diskutiert werden. Die Anhebung der oberen Altersgrenze und die Zulassung von Kompositionsstudenten führte dazu, dass mittlerweile Teilnehmer verschiedenster Altersgruppen ihre Werke in Halberstadt vorstellen. Dieser Umstand beinhaltet für Tutoren und Orchester die Herausforderung, in ihrer Arbeit auf unterschiedliche kompositorische Kenntnisse und Fähigkeiten eingehen zu müssen, sorgt aber gleichwohl auch für eine große Bandbreite an Ansätzen und Ideen.

Wichtiges Ziel der Werkstatt war von Anfang an die Förderung von Kompositionen, die sich an der Musik des 20. und mittlerweile 21. Jahrhunderts orientieren. Viele der eingereichten Arbeiten lassen ihren Ursprung in der Neuen Musik erkennen, atonale Werke sind keine Seltenheit und in den letzten Jahren werden zunehmend auch wieder Arbeiten eingereicht, die auf der Basis von Zwölftonreihen entstanden sind. Die Vorbilder sind vielfältig: Ideen von Igor Strawinsky über John Cage zu Isang Yun klingen an, südamerikanische Rhythmen und Elemente des Jazz werden verarbeitet. Die Traditionsbezüge reichen teils aber auch weit in die Vergangenheit zurück, so setzten sich die jungen Komponisten immer wieder auch mit klassischen Ansätzen oder Ideen der Romantik auseinander. Erfindungsreichtum und Kunstfertigkeit der verschiedenen Arbeiten zu bewerten obliegt den Mentoren, die seit Anfang der 1990er Jahre den von der Stadt Halberstadt gestifteten, für das Jubiläumsjahr 2009 mit 1000 € dotierten Andreas-Werckmeister-Preis vergeben. Kriterien sind dabei nicht immer lediglich die Qualität der Werke und der Instrumentation, auch das Alter der Komponisten und die praktische Umsetzbarkeit der Werke spielen bei der Einschätzung eine Rolle. Besonders gelungene Arbeiten werden seit 2008 auch im Rahmen des "impuls"-Festivals noch einmal aufgeführt, einzelne Stücke wurden in den Spielplan des Nordharzer Städtebundtheaters integriert. Die Orchesterwerkstatt wird 2009 zum 20jährigen Bestehen als Wettbewerb ausgerichtet, im Vordergrund steht aber dennoch das bewährte Prinzip gemeinsamer Workshops und Proben – letztlich soll Musik gemeinsam erfahrbar gemacht und erlebt werden.

Die Veranstalter der Werkstatt haben nicht nur eine Förderung junger Komponisten im Sinn, in den letzten Jahren richtete sich ihr Augenmerk zunehmend auch auf die Vermittlung zeitgenössischer Musik an Jugendliche. Seit einigen Jahren gehört ein Besuch der jungen Komponisten in Schulklassen des Halberstädter Gymnasiums Martineum zum festen Bestandteil des Programms. Im Rahmen einer offenen Schulstunde beschreiben die Jugendlichen ihre kompositorische Arbeit, spielen Aufnahmen ihrer Werke vor oder musizieren am Klavier oder auf mitgebrachten Instrumenten. Die Schüler werden zum Abschlusskonzert eingeladen und können dort die Uraufführungen der zuvor vorgestellten Werke erleben.

Auf dieser CD zum 20. Jubiläum der Halberstädter Werkstatt finden sich Aufnahmen von Abschlusskonzerten der letzten Jahre, die die Einzigartigkeit und Qualität des Projektes unterstreichen. Jene besondere Einrichtung musikalischer Begabtenförderung gilt es zu bewahren – auf dass noch vielen jungen Komponisten das besondere Erlebnis einer ersten Uraufführung ermöglicht werden kann.

„Ich wünschte, sie sollten weiter, immer weiter spielen. Ich konnte es nicht erwarten zu hören, wie sich die ganze Partitur entfaltete – wie die Gedanken, die Atmosphäre und die Emotionen jener Tage, in denen ich die Symphonie geschrieben hatte, von einer ungeheuren Spule mit Hilfe von achtzig Männern abgehaspelt wurde.“


Text: Friederike Gratz
Redaktion: Landesmusikrat Sachsen-Anhalt